Gurkenkönig

Das Rätsel vom Sternblatt

Zusammenfassung

In den Drachenbergen findet der junge Gurkenkönig ein Einhorn mit einem gesprungenen Horn. Ein Bergdrache erinnert sich nur noch an einen alten Vers über das heilende Sternblatt, sodass der Gurkenkönig selbst nach der Pflanze suchen muss. Nach einer falschen Spur deutet er die Hinweise richtig, entdeckt das verborgene Sternblatt und lindert damit die Schmerzen des Einhorns.

Der junge Gurkenkönig wanderte durch die Drachenberge. Sein Blätterumhang flatterte, und die Sonnenblumenkerne seiner Krone glänzten in der Morgensonne.

Da hörte er ein leises Schnauben.

„Hrrr … au.“

Zwischen zwei Felsen lag ein weißes Einhorn. In seinem silbernen Horn verlief ein feiner Sprung.

„Mir geht es gut“, sagte es sofort.

Der Gurkenkönig blieb stehen.

„Du hast gerade ‚au‘ gesagt.“

„Das galt dem Felsen.“

„Dem Felsen?“

„Er stand im Weg.“

Das Einhorn versuchte, den Kopf zu heben, und kniff die Augen zusammen.

Der Gurkenkönig setzte sich neben es.

„Dann bleiben wir erst einmal hier.“

Über ihnen rauschte es. Ein großer grauer Drache landete auf einem breiten Felsvorsprung. Zwischen seinen Hörnern wuchsen kleine Moosbüschel.

Er betrachtete das Einhorn.

„Ein Sprung im Horn. Das braucht Zeit.“

„Wie viel Zeit?“, fragte das Einhorn.

„Mehr als du gern hättest.“

„Eine ausgesprochen schlechte Antwort.“

Der Drache breitete einen Flügel aus. Dahinter wurde es sofort windstill.

„Aber gegen das Pochen hilft Sternblatt“, sagte er. „Meine Großmutter hat es gesammelt.“

Der Gurkenkönig zog sein Notizbuch aus der braunen Umhängetasche.

„Wie sieht es aus?“

„Kleine grüne Blätter. Jedes trägt einen silbernen Stern.“

„Und wo wächst es?“

Der Drache kratzte sich vorsichtig am Kinn.

„Dazu gab es einen Suchvers.“

Er dachte nach. Das Einhorn wartete. Der Gurkenkönig hielt seinen Stift bereit.

Schließlich brummte der Drache:

„Wo Morgenlicht auf Felsen fällt, sich Silbergras im Schatten hält, wo keine gelben Blumen stehn, kannst du den kleinen Stern ersehn. Er schaut nicht in den Himmel rauf. Heb sacht sein grünes Dächlein auf.“

Der Gurkenkönig schrieb den Vers auf.

„Brauchen wir die ganze Pflanze?“

„Nein. Zwei oder drei Blätter genügen. Die Wurzeln bleiben im Boden.“

Der Gurkenkönig sah zum Einhorn. Es hielt den Kopf ganz still.

„Ich suche sie.“

„Ich bleibe hier und halte den Wind ab“, sagte der Drache.

„Nur, weil dein Flügel schon da ist“, murmelte das Einhorn.

Es rückte ein wenig näher an ihn.

Der Weg führte zu einer breiten Wiese zwischen den Felsen. Es roch nach feuchtem Stein. Kleine Vögel hüpften durchs Gras.

Der Gurkenkönig las die erste Zeile.

„Wo Morgenlicht auf Felsen fällt.“

Vor ihm leuchtete eine Felswand in der Sonne. Er legte die Hand daran. Der Stein war schon warm.

An ihrem Fuß wuchs Gras mit silbernen Spitzen.

„Das könnte passen.“

Er ging in die Hocke. Zwischen den Halmen standen kleine grüne Pflanzen.

Vorsichtig schob er das Gras auseinander.

Dahinter leuchtete eine gelbe Blüte.

Und noch eine.

Der Gurkenkönig hielt inne.

„Wo keine gelben Blumen stehn.“

Er blickte auf die sonnige Wiese und dann zurück in sein Notizbuch.

Außerdem stand das Silbergras hier gar nicht im Schatten.

Er ließ die Halme los.

„Hier also nicht.“

Ein Vogel zupfte einen trockenen Halm aus dem Gras und flog davon. Der Gurkenkönig sah ihm nach.

Dann betrachtete er die Felsen genauer.

Ein Stück weiter ragte eine dicke Steinplatte aus der Wand. Ihre Oberseite lag im Morgenlicht. Darunter blieb ein schattiger Streifen.

Dort schimmerte etwas silbern.

Der Gurkenkönig ging hinüber.

Unter der Platte wuchs Silbergras. Daneben standen kleine Pflanzen mit runden, dunkelgrünen Blättern.

Keine einzige gelbe Blume.

Er verglich den Platz noch einmal mit seinem Vers.

Sonniger Fels. Gras im Schatten. Kein Gelb.

Diesmal passte alles.

Der Gurkenkönig kniete sich auf das weiche Moos.

Er betrachtete die grünen Blätter. Runde Blätter, kleine Blätter, ein angeknabbertes Blatt.

Aber keinen Stern.

Er schaute hinter einen Kiesel und zwischen zwei Wurzeln.

Nichts.

Seine Schultern sanken.

Was, wenn er doch am falschen Ort war? Das Einhorn wartete auf ihn.

Er wollte schon aufstehen. Dann strich er mit dem Finger über die letzten beiden Zeilen.

„Er schaut nicht in den Himmel rauf. Heb sacht sein grünes Dächlein auf.“

Vielleicht lag der Stern unter den Blättern?

Er beugte sich tief hinunter und schaute auf die Erde.

Dort lagen nur dunkle Krümel.

„Kein Stern.“

Der Gurkenkönig setzte sich auf die Fersen.

Was hatte der Drache gesagt?

Jedes Blatt trug einen Stern.

Nicht die Erde. Das Blatt.

Er hielt seine Hand flach über die Pflanze, wie ein kleines Dach. Sein Handrücken zeigte nach oben, seine Handfläche nach unten.

Dann drehte er die Hand um.

„Vielleicht …“

Vorsichtig fasste er ein Blatt am Rand und hob es an.

Auf der Unterseite verliefen fünf silberne Linien.

Ein Stern.

Der Gurkenkönig lachte leise.

„Da bist du!“

Nun hob er ein zweites Blatt an.

Wieder ein Stern.

Und unter dem dritten ebenfalls.

Von drei kräftigen Pflanzen pflückte er jeweils ein Blatt. An jeder blieben viele andere stehen. Dann legte er seinen Fund behutsam zwischen zwei freie Seiten im Notizbuch und machte sich auf den Rückweg.

Der Drache hielt noch immer seinen Flügel über das Einhorn.

„Da bist du ja!“, rief es.

Der Gurkenkönig öffnete sein Buch und hielt eines der Blätter hoch.

„Schaut auf die Unterseite.“

Der Drache beugte sich herab. Der Gurkenkönig hielt das Blatt so, dass auch das Einhorn es sehen konnte.

„Ein Stern“, flüsterte es.

„Gut gesucht“, sagte der Drache.

Er zeigte dem Gurkenkönig eine kleine Mulde im Stein. Darin zerdrückte dieser die Blätter mit einem glatten Kiesel. Silbergrüner Saft trat hervor.

„Darf ich?“, fragte er das Einhorn.

„Ja, bitte.“

Vorsichtig strich er etwas Saft neben den Sprung.

Das Horn schimmerte. Das Einhorn atmete langsam aus.

„Es pocht weniger.“

Der Gurkenkönig merkte erst jetzt, wie fest er den Kiesel gehalten hatte. Er legte ihn ab und lächelte.

Der Sprung war noch da.

„Heilen muss es von allein“, sagte der Drache. „Heute ruhst du dich besser aus.“

„Hier?“

„Gleich hinter mir ist meine Höhle. Dort liegt weiches Moos.“

Das Einhorn überlegte.

„Gibt es dort Felsen?“

„Einige.“

„Dann sag ihnen bitte, sie sollen Platz machen.“

Später saßen sie am Höhleneingang. Das Einhorn döste im warmen Moos. Der Drache hatte seinen Kopf auf die Vorderklauen gelegt.

Der Gurkenkönig zeichnete ein rundes Blatt in sein Notizbuch.

Daneben zeichnete er dasselbe Blatt von unten, mit einem silbernen Stern.

Der Drache öffnete ein Auge.

„Zwei verschiedene Pflanzen?“

Der Gurkenkönig tippte auf die erste Zeichnung.

„Von oben.“

Dann auf die zweite.

„Von unten.“

Der Drache betrachtete die Bilder.

„Meine Großmutter hätte einfach dein Notizbuch gebraucht.“

„Das gab es damals noch nicht.“

„Stimmt“, brummte der Drache. „Dich auch nicht.“

Der Gurkenkönig grinste.

Neben ihnen schnaubte das Einhorn im Schlaf.

Diesmal ganz ohne „au“.

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