Gurkenkönig
Der Kürbis auf dem Bergweg
Zusammenfassung
Der junge Gurkenkönig bringt zum Erntedankfest im Zwergendorf Gurken, Zucchini und einen gewaltigen Riesenkürbis mit. An einer engen Bergstelle rutscht der Kürbis vom Wagen und rollt den Hang hinab, bleibt aber in einer Mulde liegen. Gemeinsam mit Eisenhut, Funke und den anderen Zwergen baut der Gurkenkönig einen Schlitten und bringt den Kürbis sicher ins Dorf, wo die ganze Ernte miteinander geteilt wird.
Schon am frühen Morgen war der junge Gurkenkönig unterwegs zum Zwergendorf der Kleeweite. Sein grüner Blätterumhang flatterte im Wind, und seine Krone aus goldenen Sonnenblumenkernen glänzte in der Sonne.
Hinter ihm rumpelte ein stabiler Erntewagen über den Weg.
Darauf standen zwei Körbe mit knackigen Gurken und gestreiften Zucchini. Den größten Teil der Ladefläche nahm jedoch ein Kürbis ein.
Und was für einer.
Er war so rund und groß, dass er fast über die Seiten des Wagens hinausragte. Der Gurkenkönig musste sich ein wenig zur Seite beugen, wenn er dahinter etwas sehen wollte.
Stolz strich er über die glatte orangefarbene Schale.
„Der wird heute alle staunen lassen.“
Er zog sein Notizbuch aus der braunen Umhängetasche und schrieb:
Eine gute Ernte muss gefeiert werden.
Heute fand im Zwergendorf das Erntedankfest statt. Alle brachten etwas mit, das auf ihren Feldern, in ihren Gärten oder an den Berghängen gewachsen war.
Der Gurkenkönig hatte seine schönsten Gurken ausgesucht, besonders gerade Zucchini geerntet und natürlich seinen Riesenkürbis mitgenommen.
Der Weg führte nun den Berg hinunter.
Zwischen den Felsen glitzerte weit unten ein Bach. Dahinter lagen bereits die ersten Steinhäuser des Zwergendorfs. Vom Dorfplatz herüber klang das Läuten einer Glocke.
„Fast da“, sagte der Gurkenkönig.
Kurz darauf erreichte er die letzte große Kurve.
Hier wurde der Weg eng.
Links ragte eine Felswand empor. Rechts lagen große Steine am Rand des abfallenden Hangs. Für den Erntewagen war zwischen ihnen gerade genug Platz.
Für den Erntewagen.
Nicht unbedingt für den Riesenkürbis.
Der Gurkenkönig zog vorsichtig weiter.
Das linke Rad rollte dicht an der Felswand entlang.
Schrrrk.
Der Kürbis berührte den Felsen.
Der Wagen blieb stehen.
Der Gurkenkönig ging zurück und betrachtete die Stelle.
Der Wagen selbst würde hindurchpassen. Doch der Kürbis ragte auf beiden Seiten ein Stück darüber hinaus.
„Hm.“
Er zog sein Notizbuch hervor und betrachtete den Weg.
Zurückfahren wollte er nicht. Das Zwergendorf lag schon direkt unter ihm.
Vielleicht konnte er den Wagen etwas schräg durch die Engstelle führen.
Der Gurkenkönig schob das hintere Ende ein kleines Stück nach rechts.
Der Kürbis löste sich vom Felsen.
„Siehst du“, sagte er zufrieden. „Geht doch.“
Er zog wieder.
Das linke Rad kam vorwärts.
Dann rollte das rechte Rad über einen flachen Stein.
Der Wagen kippte zur Seite.
Nur ein kleines Stück.
Doch der Riesenkürbis war schwer.
Er drückte gegen das Seil, mit dem der Gurkenkönig ihn auf dem Wagen befestigt hatte.
Das Seil spannte sich.
Der Gurkenkönig griff danach.
„Moment!“
Der Kürbis rutschte weiter.
Das Seil lag nur einmal quer über seiner runden Schale. Als der Kürbis sich drehte, glitt es seitlich ab.
Dann rollte der Kürbis vom Wagen.
Plopp.
Er landete auf dem Weg.
Einen Augenblick geschah überhaupt nichts.
Der Gurkenkönig starrte ihn an.
Der Kürbis bewegte sich.
Ganz langsam.
„Bleib da.“
Der Kürbis rollte weiter.
„Ich meine es ernst.“
Noch eine Umdrehung.
Dann erreichte er die abschüssige Seite des Weges.
„Oh nein!“
Der Kürbis rollte den Hang hinunter.
Der Gurkenkönig sprang hinterher.
„Kürbis!“
Das erwies sich als wenig hilfreich.
Der Riesenkürbis rumpelte über Gras und kleine Steine.
Er wurde schneller.
Vor ihm lag der Bach.
Dazwischen ragten mehrere große Felsen aus dem Hang.
Wenn der Kürbis gegen einen davon prallte, konnte er aufbrechen.
„Aus dem Weg!“, rief der Gurkenkönig.
Unterhalb des Hangs arbeiteten einige Zwerge.
Sie hatten Bretter, Körbe und Bänke für das Erntedankfest zum Dorfplatz getragen.
Eisenhut richtete sich auf.
Neben ihm stand Funke, der kleine rundliche Drache, der ungefähr so groß wie ein Zwerg war.
Funke blickte den Hang hinauf.
„Kommt da gerade ein Kürbis?“
Eisenhut kniff die Augen zusammen.
„Ein ziemlich großer.“
„Ein ziemlich schneller!“
„Zur Seite!“, rief der Gurkenkönig.
Die Zwerge sprangen aus der Bahn.
Der Kürbis rumpelte an ihnen vorbei.
Dann wurde der Hang flacher.
Vor dem Bach lag eine breite, grasige Mulde. Regenwasser hatte dort über viele Jahre eine flache Senke in den Boden gespült.
Der Kürbis rollte hinein.
Er wurde langsamer.
Noch einmal drehte er sich.
Dann rollte er gegen den weichen Rand der Mulde.
Er wackelte.
Kippte zurück.
Rollte noch ein kleines Stück.
Und blieb liegen.
Der Gurkenkönig kam keuchend den Hang herunter.
Seine Krone hing schief über einem Ohr.
Eisenhut stand mit verschränkten Armen vor dem Kürbis.
Funke betrachtete ihn von der anderen Seite.
Niemand sagte etwas.
Der Gurkenkönig hob einen Finger.
„Er sollte eigentlich auf dem Wagen bleiben.“
Eisenhut nickte.
„Das wäre vermutlich einfacher gewesen.“
Der Gurkenkönig legte beide Hände auf den Kürbis.
Die Schale hatte einige helle Schrammen bekommen.
Aber sie war nicht aufgebrochen.
„Wenigstens ist er heil.“
Funke blickte zum Bach.
Zwischen der Mulde und dem Ufer führte der Hang noch ein gutes Stück bergab.
„Und wie bekommen wir ihn jetzt von hier ins Dorf?“
Eisenhut stemmte beide Hände gegen den Kürbis.
Er bewegte sich keinen Fingerbreit.
„Hochschieben können wir vergessen.“
„Einfach weiterrollen auch“, sagte der Gurkenkönig.
Alle blickten zum Bach.
„Unbedingt“, sagte Funke.
Der Gurkenkönig setzte sich auf einen Stein.
Dann zog er sein Notizbuch hervor.
Er zeichnete die Mulde.
Den Hang.
Den Bach.
Und den flachen Weg, der am Ufer entlang ins Zwergendorf führte.
Während er zeichnete, fiel sein Blick auf einen Stapel langer Bretter.
Die Zwerge hatten sie für zusätzliche Tische und Bänke zum Festplatz bringen wollen.
Daneben lagen mehrere kräftige Seile.
Der Gurkenkönig blickte zu den Brettern.
Dann zum Kürbis.
Dann zu Eisenhut.
„Können wir daraus einen Schlitten bauen?“
Eisenhut sah sich die Bretter an.
Sein Gesicht hellte sich auf.
„Das können wir.“
Nun ging alles schnell.
Zwei lange Bretter legten die Zwerge nebeneinander auf den Boden. Eisenhut befestigte zwei kurze Querhölzer daran.
So entstand ein breiter, flacher Schlitten.
„Jetzt muss nur noch der Kürbis darauf“, sagte Funke.
Das war allerdings leichter gesagt als getan.
Der Gurkenkönig betrachtete den Kürbis.
Dann entdeckte er eine kräftige Holzstange zwischen den Baumaterialien.
„Wir müssen ihn nicht hochheben.“
Er schob einen flachen Stein unter die Stange und steckte deren Ende vorsichtig unter den Kürbis.
Eisenhut verstand sofort.
„Ein Hebel.“
Gemeinsam drückten sie die Stange nach unten.
Der Kürbis hob sich ein kleines Stück.
Gerade genug.
Zwei Zwerge schoben eines der langen Bretter darunter.
Dann setzten sie den Hebel auf der anderen Seite an.
Stück für Stück schoben sie den Schlitten unter den Kürbis.
Schließlich lag der Riesenkürbis sicher auf den Brettern.
Diesmal nahm der Gurkenkönig zwei Seile.
Eines führte von vorne nach hinten über den Kürbis.
Das zweite verlief quer dazu.
Eisenhut befestigte beide fest am Schlitten.
Funke zog probeweise daran.
Nichts verrutschte.
Der Gurkenkönig sah auf seine beiden Seile.
„Das hätte ich heute Morgen gebrauchen können.“
„Diese Erkenntnis kommt nur etwas spät“, sagte Funke.
Nun mussten sie den Schlitten den Hang hinunterbringen.
Eisenhut nahm ein langes, kräftiges Seil und befestigte es am hinteren Ende des Schlittens.
Ein Stück oberhalb der Mulde stand ein großer Felsblock fest im Boden.
Eisenhut führte das Seil zweimal darum herum.
„So müssen wir nicht das ganze Gewicht mit den Händen halten“, erklärte er. „Das Seil bremst am Felsen.“
Der Gurkenkönig nickte.
Das gefiel ihm.
Zwei Zwerge stellten sich seitlich neben den Schlitten und hielten kurze Führungsseile. So konnte der Kürbis weder nach links noch nach rechts ausbrechen.
Eisenhut hielt das Bremsseil.
Funke ging voraus und suchte den besten Weg zwischen den größeren Steinen.
Der Gurkenkönig lief neben dem Schlitten.
„Langsam“, sagte Eisenhut.
Er ließ ein kleines Stück Seil nach.
Der Schlitten bewegte sich.
Er rutschte ein paar Schritte den Hang hinunter.
Dann blieb er wieder stehen.
„Gut“, sagte der Gurkenkönig.
Funke zeigte nach links.
„Da ist der Boden ebener.“
Sie korrigierten die Richtung.
Wieder ließ Eisenhut ein Stück Seil nach.
Der Schlitten glitt weiter.
Einmal stieß die rechte Kufe gegen einen Stein.
Der Schlitten neigte sich.
„Stopp!“, rief der Gurkenkönig.
Eisenhut hielt das Seil fest.
Sofort stand der Schlitten still.
Funke und der Gurkenkönig räumten den Stein aus dem Weg.
Dann ging es weiter.
Langsam.
Stück für Stück.
Schließlich erreichten sie den flachen Weg am Bach.
Eisenhut löste das Bremsseil.
Der Gurkenkönig betrachtete den Riesenkürbis.
Er lag noch immer fest verschnürt auf seinem Schlitten.
„Geschafft.“
„Fast“, sagte Funke.
Er zeigte den Berg hinauf.
Dort stand noch der Erntewagen.
Mit den Gurken.
Und den Zucchini.
Der Gurkenkönig schlug sich mit der Hand an die Stirn.
„Stimmt.“
Zwei Zwerge begleiteten ihn zurück zur Engstelle.
Ohne den Riesenkürbis passte der Erntewagen problemlos zwischen Felswand und Steinen hindurch.
Gemeinsam brachten sie ihn den Weg hinunter.
Währenddessen zogen Eisenhut, Funke und die anderen Zwerge den Kürbisschlitten über den flachen Uferweg zum Dorf.
Kurz darauf kam alles auf dem Dorfplatz an.
Die Gurken.
Die Zucchini.
Der Riesenkürbis.
Und ein ziemlich erschöpfter Gurkenkönig.
Auf dem Platz beim alten Brunnen standen bereits lange gedeckte Tische.
Überall lagen Kartoffeln, Rüben, Äpfel, Pilze, Kräuter und Brot.
Der Gurkenkönig stellte seine Gurken und Zucchini dazu.
Den Riesenkürbis ließen sie mitten auf seinem Schlitten stehen.
Als die Glocke im hölzernen Aussichtsturm das Erntedankfest einläutete, kamen die Zwerge aus allen Gassen zusammen.
Viele blieben vor dem Kürbis stehen.
„Der ist ja riesig!“
„Wo ist der denn gewachsen?“
„Den kann doch keiner allein essen!“
Der Gurkenkönig richtete stolz seine Krone.
Er wollte gerade erzählen, wie lange er den Kürbis gepflegt hatte.
Dann bemerkte er den Schlitten darunter.
Die beiden Seile.
Die zerkratzten Bretter.
Und all die Zwerge, die geholfen hatten, den Kürbis überhaupt hierherzubringen.
Der Gurkenkönig legte eine Hand auf die orangefarbene Schale.
„Ich habe ihn zwar angebaut“, sagte er, „aber bis hierher haben wir ihn alle zusammengebracht.“
Eisenhut nickte.
„Dann sollten wir ihn wohl auch alle zusammen essen.“
Das fanden die anderen Zwerge eine ausgezeichnete Idee.
Später schnitten sie den Riesenkürbis auf.
Aus einem großen Teil entstand eine dampfende Kürbissuppe.
Andere Stücke wurden mit Kräutern im Ofen gebacken.
Aus einem weiteren Teil machten die Zwerge kleine Kürbisküchlein.
Die Zucchini wurden über dem Feuer geröstet.
Aus den Gurken entstand eine große Schüssel Gurkensalat.
Und die Kerne des Riesenkürbisses legten die Zwerge sorgfältig zum Trocknen aus.
„Für nächstes Jahr“, erklärte Eisenhut.
Als es langsam Abend wurde, saß der Gurkenkönig mit einer Schüssel Kürbissuppe am Brunnen.
Er schlug sein Notizbuch auf.
Am Morgen hatte er geschrieben:
Eine gute Ernte muss gefeiert werden.
Darunter schrieb er nun:
Eine gute Ernte wird noch besser, wenn man sie teilt.
Er betrachtete den Satz.
Dann fügte er darunter etwas kleiner hinzu:
Und Riesenkürbisse immer mit zwei Seilen festbinden.
Eisenhut blickte über seine Schulter.
„Das ist wahrscheinlich die praktischere Erkenntnis.“
Der Gurkenkönig grinste.
Vor ihm standen lange Tische voller Essen.
Von seinem Riesenkürbis war inzwischen nur noch ein kleiner Teil übrig.
Doch überall saßen Zwerge mit dampfenden Schüsseln und vollen Tellern.
Der Gurkenkönig nahm einen Löffel Suppe.
Am Morgen hatte er gehofft, dass alle über seinen riesigen Kürbis staunen würden.
Jetzt freute er sich viel mehr darüber, dass alle etwas davon hatten.
